Pfadfindergeschichte

Nur wer weis wo er herkommt, kann Vergangene Fehler vermeiden und aktiv an der Gestaltung der Zukunft mitwirken

Die Geschichte der deutschen Pfadfinderbewegung ist nicht so “einfach” wie in anderen Ländern. Hierzulande gab es bereits vor den Pfadfindern eine Jugendbewegung und in den 20er Jahren die “bündische Jugend” all dies zusammen ergibt die heutige Pfadfinderei wie wir sie kennen mit all ihrer Vielfältigkeit. Auf dieser Seite haben wir versucht in einigen Texten aus den verschiedensten Quellen das zusammenzuschreiben, was über 100 Jahre gewachsen ist. Viel Spaß beim lesen. Das Wissen um unsere Herkunft sollte für jeden Pfadfinder und jede Pfadfinderinn zum festen Bestandteil seines Pfadfinderlebens gehören.

Ganz am Ende unternehmen wir noch einen Versuch die “Ewige Frage” nach dem “bündischen und scoutistischen” zu “klären” oder besser “aufzuwärmen”.

KURZVERSION:

Entstehung der deutschen Pfadfinderei…. oder warum sind wir ein bisschen anders?:
Die Pfadfinderbewegung im eigentlichen und im Internationalen entstand 1907 nach einem Zeltlager mit 26 Jungen. Sir Robert Stephenson Smyth Baden-Powell Lord of Gilwell (1857-1941) begann sich nach seinem Militärdienst als Offizier für den Aufbau einer Jugendbewegung einzusetzen, die dem Frieden dienen sollte. Baden-Powell fasste seine Erfahrungen und pädagogischen Vorstellungen in dem Buch „Scouting for Boys“ zusammen, das viel Beachtung fand. 1909 wurde „Scouting for Boys“ durch Alexander Lion ins deutsche übersetzt. Daraufhin entstanden rasch Pfadfindergruppen in ganz Deutschland.
Die deutsche Pfadfinderei wäre nicht die heutige, wenn nicht noch Einflüsse der deutschen Jugendbewegung mit hineingerutscht wären. Bereits 1896 entstand in Berlin der Wandervogel. Eingeschränkt durch die Gesellschaft der damaligen Zeit in Deutschland, erfuhr die Wandervogelbewegung einen raschen Zuwachs. Es hieß nun „Hinaus aus grauer Städte Mauern“ in ein freies selbstbestimmtes Leben außerhalb der „Erwachsenenwelt“ welche die Jugend immer sehr einschränken wollte. Nach dem 1. Weltkrieg war nichts mehr so wie es vorher war, auch nicht innerhalb der Wandervogelbewegung. Sowohl Pfadfinder als auch Wandervögel kehrten aus dem Ersten Weltkrieg desillusioniert zurück, darüber hinaus war ein Großteil der bisherigen Führer gefallen. Dadurch veränderten sich die Bünde und die Bündelandschaft. Sie wollten die Gesellschaft von Grund auf verändern.

Die Bündische Jugend war geboren
Politische Aktivitäten begannen an Bedeutung zu gewinnen. In dieser Zeit war das Menschenbild der bündischen Jugend das des Mannes als Ritter, der sich freiwillig der Disziplin und Selbstdisziplin unterwirft, der im Dienst seines Bundes und dessen Zielen steht. Wichtig für die Herausbildung der Bündischen Jugend war das Bestreben, zukünftig Gruppen zu bilden, die nicht wie früher im Wandervogel nur aus Jugendlichen bestehen sollten, sondern den Charakter eines Lebensbundes hatten. Vielen Bünden erschien die erstrebte Bundesgemeinschaft nur in reinen Männer- oder Frauenbünden erreichbar, weshalb partnerschaftliche Bünde von Männern und Frauen stark an Bedeutung verloren.
Der Bund war nun nicht mehr nur ein Zusammenschluss von Jugendlichen die der Erwachsenenwelt „Entfliehen“ wollten. Sondern das Verständnis für den Bund ging weit darüber hinaus. Der Lebensinhalt vieler Jugendliche wurde ihr Bund. Ihre Kameradschaften im Bund und das Leben für den Bund bestimmten diese Phase.
Die ersten evangelischen Pfadfindergruppen wurden innerhalb des Christlichen Vereins Junger Männer (CVJM) gegründet. 1921 schlossen sie sich zur CPD (Christliche Pfadfinderschaft Deutschlands) zusammen. 1922 wurde die „Tatgemeinschaft Christlicher Pfadfinderinnen“ in Bayern ins Leben gerufen, die 1933 in Bund Christlicher Pfadfinderinnen (BCP) umbenannt wurde. Zu dieser bündischen Jugend zählten sich auch Gruppierungen wie die „Weiße Rose“ oder die deutsche Jungenschaft vom 1.11. die sogenannte dj. 1.11
Die Zeit des Nationalsozialismus brachte das Verbot der Jugendverbände, und auch die CPD musste ihre unter 18-Jährigen Mitglieder entlassen oder in die Hitlerjugend (HJ) überführen. 1937 erfolgte die endgültige Auflösung der CPD und BCP. Manche Pfadfinderinnen und Pfadfinder setzten jedoch ihre Arbeit im Geheimen fort. Natürlich wurden auch viele Bünde von der Ideologie des Nationalsozialismus durchtränkt. Denn die Nationalsozialisten machten sich die Strukturen, die Traditionen und den Bund als solches zu eigen. Dies waren aber Zeichen einer allgemeinen politischen Fehlentwicklung in Deutschland. Als der Nationalsozialismus in Deutschland staatlich etabliert war, zeigte sich genau das Gegenteil von dem was viele der bündischen Jugend unterstellen. Ihr Strukturiertes und organisiertes Umfeld und ihre Traditionen boten den perfekten Nährboden für eine Widerstandsbewegung und zugleich eine Chance für „Andersdenkende“. Mit der Vorstellung eines Lebensbundes blieb zumindest zum Teil die Gruppe vor Ort widerstandsfähig gegenüber dem totalitären Zugriff der staatlichen Jugenderziehung. Als eines der bekanntesten Beispiele könnte man an der Stelle die „Weiße Rose“ nennen.

Bereits 1946 entstanden in der amerikanischen Besatzungszone wieder die ersten Pfadfindergruppen. Dem folgte der Zusammenschluss der evangelischen (CPD, BCP und EMP), katholischen (DPSG und PSG) Pfadfinderverbände und des überkonfessionellen (BDP) Pfadfinderverbandes zum Ring deutscher Pfadfinder und zum Ring deutscher Pfadfinderinnen. Anfang der 50er Jahre erfolgte die Aufnahme der Ringverbände in die Weltverbände WOSM und WAGGS und damit die weltweite Anerkennung.
Die gesellschaftlichen Veränderungen ab Mitte der 60er Jahre gaben den Anstoß zum Zusammenschluss der evangelischen Pfadfinderbünde CPD, BCP und EMP (Evangelischer Pfadfinderinnenbund außerhalb Bayerns) zu einem koedukativen Pfadfinderverband. 1972 schlossen sich in Bayern die CPD und der BCP zusammen. Bundesweit erfolgte die Fusion 1973, woraus der VCP (Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder) entstand.
Heute sind bundesweit im VCP über 47.000 Pfadfinderinnen und Pfadfinder aktiv. Im Ring Deutscher Pfadfinderverbände und im Ring deutscher Pfadfinderinnenverbände, dem der VCP angehört, sind insgesamt ca. 200.000 Mitglieder vertreten. Weltweit gestalten heute in 216 Ländern nahezu 30 Millionen Kinder und Jugendliche die Pfadfinderbewegung aktiv mit. Diese Bewegung kann aufgrund ihrer Internationalität und ihren unterschiedlichen Religionszugehörigkeiten als eine multikulturelle Gemeinschaft bezeichnet werden.

 

Ausführliche Version:

Geschichte der Internationalen Pfadfinderbewegung

Die Beschäftigung mit den Wurzeln und Ursprüngen unserer heutigen Pfadfinderarbeit wird oft mit dem langweiligen Geschichtsunterricht aus der Schule verwechselt. Ohne aber zu wissen, wo wir herkommen, wird es schwierig, den richtigen Weg in die Zukunft zu finden. Es gibt viele Situationen, in denen Hintergrundwissen über die Geschichte und Entwicklung der Pfadfinder in Deutschland und der Welt wichtig und nützlich sind. Das beliebteste Beispiel ist sicher die Situation, in der wir uns gegen Vorwürfe verteidigen müssen, wie die Hitlerjugend zu sein“. Was antwortet Ihr dem Pfadfinder aus den Niederlanden, der wissen will, warum die Deutschen immer diese häßlichen schwarzen Zelte und Kleidungsstücke benutzen und was dem englischen Leader, warum die deutschen Sippen und Stämme so komisch organisiert sind? Waren die Pfadfinder im 3. Reich wirklich eine verfolgte Minderheit? Wie kann man bei einer Fahrt nach Osteuropa Pfadfinder von einer totalitären Staatsjugend abgrenzen? Weil ein wenig Geschichte wichtig ist, kommt auch der Sippenführer“ nicht ohne einen kurzen Abriß aus. Natürlich ist er nicht vollständig, die wichtigsten Etappen sollen aber skizziert werden.

Die Anfänge der Pfadfindergeschichte sind untrennbar mit der Person Baden-Powell verbunden und um ihn dreht sich deshalb der erste Abschnitt. Dann folgt ein Kapitel über die internationale Verbreitung der Pfadfinderidee bis zur Entwicklung zu den beiden Weltverbänden. Den größten Raum nimmt als drittes die Geschichte der Pfadfinder in Deutschland ein.

 

Baden-Powell

Jedem Pfadfinder in der ganzen Welt sind die Buchstaben B.P. ein Begriff. Bezeichnen sie doch den Chiefscout of the world“, Sir Robert Stephenson Smyth Baden-Powell, Lord of Gilwell. Um den tieferen Sinn der Pfadfinderbewegung verstehen zu können, muss man sich zuerst mit der genialen Schöpferfigur beschäftigen. Mit seinem Buch „Scouting for boys“ schuf Robert Stephenson Smith Baden- Powell (kurz B. P.) die Grundlage für diese weltumspannende pädagogische Bewegung.

B .P. wurde am 22. Februar 1857 als fünftes von insgesamt sieben Kindern in London geboren. 2 Jahre später verstarb sein Vater, Professor für Theologie, Naturwissenschaften und Geometrie. Bereits 19 Jahre später trat B. P. die militärische Laufbahn an, welche ihn zuerst nach Indien und später nach Afrika führte. Während dieser Zeit nahm B. P. die Eindrücke und Erkenntnisse auf, die sich später bei der Gründung der Pfadfinderbewegung als überaus fruchtbar erwiesen. So z. B. sind folgende persönliche Erlebnisse Baden-Powells in den Grundlagen der heutigen Pfadfinder nachweisbar: B. P. entwickelte in der Armee in Indien das Patrolsystem. In der Pfadfinderarbeit gilt das Prinzip der kleinen Gruppe“ (Patrol=Sippe). Ferner erfand B. P. als Auszeichnung und Kennzeichnung der Armeekundschafter das Abzeichen „Arrowhead“ (Pfeilspitze). Aus dieser Idee entwickelte sich die Lilie als Pfadfinderabzeichen welche aber gleichzeitig auch für unsere 3 großen Ziele steht (Achtung vor Gott, die Pfadfindergesetze und Achtung vor Staaat und Gesellschaft.. Außerdem war die Lilie bei alten Segelschiffen eine Kompassnadel, so möchte sie uns auch weiterhin den richtigen weg weißen. Eine sehr wichtige Begebenheit für die Entwicklung der Pfadfinderarbeit ist die Begegnung mit Rudyard Kipling, dem Verfasser der Dschungelbücher. Kipling beschreibt ein Menschenkind, das bei den Tieren im indischen Dschungel aufwächst, deren Sprache und Lebensgewohnheiten erlernt und die große Tierfamilie begreift. Dieses Buch diente u. a. Walt Disney als Vorlage für den weltbekannten Zeichentrickfilm „Das Dschungelbuch“. Aus dem Dschungelbuch sind folgende, heute noch gebräuchliche Begriffe der Pfadfinderarbeit abzuleiten: „Wölflinge“ als Bezeichnung der Kinderstufe in der Pfadfinderarbeit, „Akela“ als Bezeichnung für den Leiter von Wölflingen, „Balu“ als Bezeichnung für die Helfer der Akelas. Auch die weitere Symbolik in der Pfadfinderarbeit, vor allem in der Kinderstufe, ist auf Kipling zurückzuführen. (Treffen am Ratsfelsen, Wolfsgeheul etc.) Aus den Treffen mit verschiedenen afrikanischen Stämmen, erhielt B. P. weitere Anregungen für die Pfadfinderidee.Die Gebräuche der Zulus fanden ihren Niederschlag im Pfadfinderpfiff und in den Pfadfindertänzen. Die „Askantin Expedition“ brachte den Pfadfindern das Signalverfahren mit Trommel und Rauch. Die Idee des „Jamboree“, des im vierjährigen Rhythmus stattfindenden internationalen Pfadfindertreffens, stammt von den Buschmännern.Diese und andere Erkenntnisse setzte B. P. in seinem ersten Buch „Aids to scouting“ für die Ausbildung der Kundschafter in der britischen Armee um. Das Buch erschien 1899, gerade als er im Verlauf des Burenkrieges die Leitung der Verteidigung der belagerten Stadt Mafeking hatte, und fand bald Einlass als Erziehungsmittel in verschiedenen Knaben- und Mädchenschulen. In diese Zeit fällt auch die Entstehung einer britischen militärischen Jugendorganisation, der „Boys Brigade“. B. P. wird 1903, nach einer Parade dieser Organisation aufgefordert, sein Buch „Aids to scouting“ für diese „Boys Brigade“ umzuschreiben. Aufgrund dieses Anliegens, und weil er selbst keine „militärische Jugendbewegung“ beabsichtigt hatte, beschäftigte er sich einige Jahre intensiv mit dem Problem der Jugenderziehung und entwickelte nach und nach eine Erziehungsmethode, die in der Welt ihresgleichen sucht. Schließlich, 1907 ist es soweit. B. P. fährt mit einer Gruppe von Jugendlichen aus allen Bevölkerungsschichten auf das erste Zeltlager der Pfadfindergeschichte auf „Brownsea Island“ vor der Küste Englands. Die Teilnehmer trugen eine einheitliche Uniform, um die sozialen Unterschiede nicht erkennbar werden zu lassen. Das Lager bestätigte Baden-Powells Methode in allen Punkten und übertraf sogar noch seine Erwartungen. B. P. schrieb daraufhin sein nächstes Buch „Scouting for Boys“. Eigentlich als Arbeitsbuch für die „Boys Brigade“ gedacht, entwickelte sich das Buch zu einem Bestseller. Die Jugendlichen schlossen sich zu Gruppen zusammen, ohne jedoch der „Boys Brigade“ beizutreten. Bereits ein Jahr nach dem Erscheinen des Buches trafen sich 11.000 Pfadfinder in London. 1910 zählte die Bewegung bereits 100.000 Mitglieder. Überall auf der Welt traf die Idee B. P.‘s auf fruchtbaren Boden. Pfadfindergruppen schossen wie Pilze aus dem Boden. B. P. wurde von seinen Aufgaben in der Armee freigestellt, um sich ausschließlich der Pfadfinderbewegung widmen zu können. Seine Frau, Olave St. Clair Soames, die er 1912 heiratete, war von seiner Idee ebenfalls so begeistert, dass sie den Anstoß zur Gründung von weiblichen Pfadfindergruppen gab. Kaum beeinträchtigt durch den ersten Weltkrieg, trafen sich Pfadfinder aus 21 Nationen zum ersten Jamboree 1920 in London, bei dem B.P. zum„Chiefscout of the world“ gewählt wurde. In der Folgezeit unterstützte und leitete B. P. die Gründung der Wölflings- und Roverarbeit. Weitere Bücher ergänzten die Pfadfinderidee und förderten deren Verbreitung. B. P. starb, fast 84-jährig, am 6. Januar 1941 auf seiner Farm in Nyeri bei Nairobi in Kenia und wurde dortbeerdigt.Die Entwicklung des internationalen Pfadfindertums. Schon 1908 entsteht nach dem Erscheinen des Buches Scouting for Boys das erste „Boy Scouts Office“ in London. Das Buch verbreitet die Idee der Pfadfinderarbeit weltweit. In aller Welt werden Pfadfindergruppen gegründet, was 1920 zum ersten Jamboree in London führt. Das „Internationale Büro“ wird in London gegründet und die Pfadfinder organisieren die ersten Weltkonferenzen für Mädchen bzw. Jungen. 1922 wird die Weltpfadfinderorganisation der Jungen, die World Organisation of the Scout Movement“ (WOSM) gegründet. Nachdem 1924 das zweite Jamboree in Dänemark stattfindet, werden alle vier Jahre Jamborees veranstaltet, nur unterbrochen durch den zweiten Weltkrieg. Die Weltpfadfinderinnenorganisation der Mädchen, die World Association of Girl Guides and Girl Scouts“ (WAGGGS), wird 1928 offiziell gegründet. Die internationale Pfadfinderbewegung wächst stetig und probiert immer wieder neue Aktionen aus. 1958 findet das erste Jamboree on the Air“ (JOTA) statt, 1997 das erste Jamboree on the Internet“ (JOTI). Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks Anfang der 90er expandieren WAGGGS und WOSM in den Osten. Im März 1998 gibt es in 149 Ländern offizielle Pfadfinderorganisationen. Nur noch 6 Länder auf der Welt haben keine Pfadfinderarbeit: Andorra, China, Kuba, Nordkorea, Laos und Myanmar. 1992 haben WAGGGS und WOSM ein gemeinsames Europa-Büro in Brüssel eröffnet. Europa ist das „Pilotprojekt“ für eine bessere Zusammenarbeit der beiden Weltverbände. Auf der Europa-Konferenz in Luxemburg 1997 wurde diese enge Zusammenarbeit zum Teil wieder aufgekündigt. Die weitere Entwicklung bleibt abzuwarten. Auf dem 1. Jamboree in Olympia, London wird Baden-Powell zum „Chief Scout of the World“ ernannt. In diesem Jahr finden auch die ersten Weltkonferenzen der Mädchen- und Jungenpfadfinder statt und das „Internationale Büro“ wird gegründet.

 

Die Entwicklung der dt. Jugendbewegung

 

Jugendbewegung 1901-1914

 

Die deutschen Pfadfinder wurden nicht nur durch das Buch „Scouting for Boys“ beeinflusst, sondern durch mehrere typische deutsche Einflüsse. Deshalb gehört zur deutschen Pfadfindergeschichte auch die Geschichte

der deutschen Jugendbewegung. Die Jugendbewegung lässt sich zurückverfolgen bis in das Jahr 1901, der Gründung des Wandervogels. Danach entstanden eine Vielzahl von Wandervereinen, Wander- und Abstinenzlergruppen. Darüber hinaus

gab es diverse Abspaltungen vom Wandervogel. Die Gründungsursache war wohl zunächst eine Reaktion auf das Stadtleben unter dem Aspekt „Raus in die Natur“. Bei den Jugendlichen entwickelte sich ein wachsender Widerstand gegen die starren, einengenden (spieß-) bürgerlichen Lebensformen in Familie, Schule und Staat. Letztlich war der Wandervogel eine Flucht der Jugendlichen vor der Erwachsenenwelt auf der Suche nach etwas Neuem. Neben dem Wandern und dem „sich Aufhalten in der Natur“ waren Volkslied und Volkstanz bestimmende Elemente des Wandervogellebens. Kritiker werfen dieser Jugendbewegung vor, auf der Suche nach etwas Neuem eher Altes gefunden zu haben. In diesem Zusammenhang ist auch die Wiederentdeckung der Romantik zu sehen. Die große Tat des Wandervogel war die Selbstfindung und Selbstkonstituierung der Jugend, was er aber selbst nicht wusste und womit er auch nichts anfangen konnte. (W. Helwig: Die blaue Blume S. 72). Dass dies geschah, war vom Wandervogel nicht beabsichtigt, wurde somit auch nicht gefördert. Es konnte auch kein Interesse daran bestehen, dass Jugend sich als selbständige Gruppierung verstand, waren doch die Leiter in der Regel Erwachsene. Jugendbewegung im wirklichen Sinne entstand erst 1913 mit dem Aufruf zum „Meißner-Treffen“, der wesentlich von kleineren Bünden unterstützt wurde. Der Wandervogel nahm offiziell nicht teil, was die Jugendlichen aber nicht weiter interessierte. Eine große Zahl von Wandervögeln erschien zu dem Treffen. Die gemeinsam verabschiedete Meißnerformel war Ausdruck einer Jugendkultur,

die sich bewusst gegen die Erwachsenenwelt abgrenzen wollte. Interessant auch, dass viele Reden einen pazifistischen Einschlag hatten, während der Zeitgeist eher in eine andere Richtung ging.

 

Die Meißner-Formel

Die freideutsche Jugend will ihr Leben

aus eigener Bestimmung

vor eigener Verantwortung

in innerer Wahrhaftigkeit gestalten.

Für diese innere Freiheit

tritt sie unter allen

Umständen geschlossen ein.

(Alle Veranstaltungen der freideutschen Jugend

sind alkohol- und nikotinfrei.)

 

Der letzte Satz war von Anfang an umstritten und erscheint in einigen Dokumentationen nicht. Er gilt als Zugeständnis an die Lebensreformer und Abstinenzler. Diese hatten teilweise andere Interessen und prägten

das Bild der Jugendbewegung nur kurze Zeit. Kritisch betrachtet war der Meißner wohl nicht mehr als ein großes Jugenderlebnis, denn die nach dem

Treffen einsetzende öffentliche Gegenreaktion einerseits und das Stillhalten der in den Bünden Maßgebenden andererseits zerstörte schnell die Wirkung des Meißner und die Aufbruchstimmung der Jugend. Das Meißnertreffen als das Treffen der deutschen Jugend sollte zudem nicht überschätzt werden, es trafen

sich dort etwa nur 4.000 Jugendliche! Zerstört wurde die Jugendbewegung durch den 1. Weltkrieg. Viele Wandervögel, in der Regel Kriegsfreiwillige, wurden getötet, nach dem Krieg fehlte es an Führern. Die einzelnen Vereinigungen innerhalb der Jugendbewegung waren, verglichen mit der bündischen Phase der 20er Jahre, eher locker. Es gab männliche und weibliche Mitglieder (allerdings in getrennten Gruppen). Uniformierungen waren nicht üblich. Stilelemente und Formen, wie sie später entwickelt wurden, fehlten. Triebkraft des gemeinsamen Tuns war das jugendliche Miteinander, die Vereinigung (Bund, Verband) als solche hatte keinen Stellenwert. Dr. Alexander Lion brachte 1909 die deutsche Übersetzung von B. P.‘s Buch Scouting for boys heraus. Er hatte B. P. vorher persönlich getroffen. Das „Pfadfinderbuch“ war aber keine wörtliche Übersetzung von Scouting for Boys, sondern ein deutsches Buch, das sich an dem englischen Original nur anlehnt und orientiert. Zu der Zeit wäre es nicht möglich gewesen, eine englische Idee unverändert nach Deutschland zu übernehmen.

Lion brachte Erfahrungen und Geschichten aus den deutschen Kolonien ein. Die deutschen Pfadfinder vor dem 1. Weltkrieg waren sehr stark militärisch organisiert. Es gab keine demokratische Struktur, sondern erwachsene Führer wurden eingesetzt. In der Regel bestand die Verantwortungstragende Schicht aus

älteren Soldaten, Lehrern, Erwachsenen und Beamten.

 

Die bündische Phase 1919-1933

Nach dem 1. Weltkrieg waren viele Führer der Pfadfinder und der Jugendbewegung gefallen, verschollen oder invalide, so dass es einen gewissen Neuanfang geben musste. In der jungen „Weimarer Republik“ entstand die typisch deutsche „bündische Jugend“. „Bündische Jugend“ ist ein Sammelbegriff für eine Vielzahl von Jugendbünden. Ihr grundsätzlicher Unterschied zu den anderen Jugendorganisationen war, dass sie gruppen- und erlebnisorientiert und nicht programm- und ergebnisorientiert waren. Ihre Mitglieder kamen aus dem bürgerlichen Spektrum, Arbeiterjugend und Oberschicht spielten kaum eine Rolle, obwohl sich die Bünde als schichtübergreifend verstanden. Es gab Anfang der 20er Jahre Ansätze einer Arbeiterjugendbewegung, die verschwand aber wieder zugunsten einer parteipolitisch orientierten Arbeit. So haben die Falken z.B. durchaus bündische Tradition. Kennzeichen dieser neuen „Jugendbewegung“ waren wesentlich straffere Formen (gemeinsame Kluft, Marschieren im Gleichschritt) als es bei den Wandervögeln vorher üblich war. Man entwickelte sich weg vom antibürgerlichen Lebensstil des Altwandervogels hin zum disziplinierten, zum Ausleseprinzip. Mönchs bzw. Ritterordensausprägungen wurden modern. Gleichzeitig entwickelte sich auch die „bündische Jugend“ zu einer eher männlichen Gruppierung. Gemischte Bünde wurden die Ausnahme, Mädchenbünde spielten in der bündischen Jugend eine untergeordnete Rolle. „Der Sinn des Jungen geht zum Bund, das Trachten der Mädchen zur Paarung“ (Kneip/Liebs/Zimmermann: Vom Geheimnis bündischer Führung, S. 12), ist in einem Rundbrief der sächsischen Jungenschaft 1920 zu lesen. Die Entwicklung sowohl der Pfadfinder als auch der bündischen Jugend ist charakterisiert durch die Annäherung bzw. Verschmelzung zwischen Jugendbünden aus der Tradition des Wandervogels und Pfadfinderorganisationen, die nach dem 1. Weltkrieg ihre paramilitärischen Ausprägungen aufgaben, Disziplin und straffe Formen aber bewahrten. Man übernahm gegenseitig voneinander Methoden und Begrifflichkeiten. Die endgültige Absage an die Vorkriegspfadfinderei und die Annahme des Bündischen wurden auf einem (Pfadfinder-)Bundestreffen 1922 formuliert. Die nun verkündeten Hochziele des Bundes stellten wieder den Jungen und die Gruppe als Lebensgrundlage und die Pflichten und Verantwortung des Führers als Vorbild in den Mittelpunkt des Bundeslebens. Alles Können dient dem Bunde ohne Sonderinteressen und Nebenzwecke; der Bund lebt aus eigenem Gesetz und wird erlebt in den Gruppen, die durch Ideen des Pfadfindertums verbunden sind.“ (W.Helwig: Die blaue Blume, S. 230). Die so genannte Strahlungskraft des Bundes muss wohl einerseits das Faszinierende, andererseits aber auch das sein, was eine Erklärung des Bündischen nur schwer möglich macht. Besonders erwähnen muss man an dieser Stelle die d.j.1.11 (deutsche Jungenschaft vom 1.11.1929) und ihren Gründer tusk (Eberhard Koebel). Dieser Bund hat es geschafft, durch enorme Kreativität und einen ganz eigenen Stil, Einfluss auf einen großen Teil der bündischen Jugend zu nehmen. Von der d.j.1.11 stammen viele Lieder, die Kohte, Jurte und die Juja (Jungenschaftsjacke).

 

Christliche Pfadfinder

Ab 1910 gab es vereinzelt Pfadfindergruppen im CVJM. Der Dresdner Fritz Riebold initiierte 1920 die „Tatgemeinschaft Sachsen“, die als Vorgänger der Christliche Pfadfinderschaft gilt. Evangelische Mitarbeiter erkannten, dass sich die Pfadfinderidee sehr gut mit christlichen Zielen verbinden lässt. Es sind auch nicht

zufällig 10 Pfadfindergesetze. B. P., der Pastorensohn, stellte bewusst eine Verbindung zu den 10 Geboten her. B. P. und die Pfadfinderbewegung verlangten von Anfang eine Bindung des Pfadfinders zu Gott. Während einer Führertagung in Neudietendorf/Thüringen werden 1921 die „Neudietendorfer Grundsätze“ beschlossen und die CP gegründet. 1922 beginnt „Mutter Riebold“, die Frau von Fritz, mit christlicher Mädchenpfadfinderarbeit, dem Vorläufer des „Bundes Christlicher Pfadfinderinnen“ (BCP). Aus der Arbeit des Burckhardthauses, einer Zentrale für evangelische Mädchen- und Frauenarbeit, entsteht 1926 der „Evangelische Mädchenpfadfinderbund“ (EMP). Die CP wächst bis 1933 stetig und veranstaltet 1933 das letzte große Reichslager bei Coswig. Die CP muss 1933 alle Minderjährigen Mitglieder entlassen. Die Kreuzpfadfinder dürfen weitermachen, allerdings ohne auf Fahrt zu fahren und ohne Kluft zu tragen. Es gibt wenige illegale Fahrten. 1937 wird die CP endgültig verboten.

 

Pfadfinder im 3. Reich

1933 schlossen sich viele Bünde im Großdeutschen Bund zusammen, in der Hoffnung als größerer Bund von etwa 50.000 Mitgliedern vom NS-Staat nicht verboten zu werden. Das Bundeslager Pfingsten 1933 bei Münster wurde dann aber bereits verboten und aufgelöst. Wenige Wochen später wurde auch der Großdeutsche Bund verboten (Lit.: von Hellfeld, S. 90ff). Ab 1933 übernahm die Hitler-Jugend, die sich zunächst an den Formen der Arbeiterjugendbewegung orientiert hatte, zum Teil die pfadfinderischen und bündischen Traditionen. Dies führte bei vielen Angehörigen der Bündischen Jugend zur Hoffnung, die Hitler-Jugend von innen heraus in bündischem Sinne umzugestalten. Deshalb schloss sich ein Teil der Bünde freiwillig der Hitler-Jugend an, während andere Gruppen sich

selbst auflösten um einer Eingliederung zu entgehen. Ab dem Sommer 1933 wurden zunächst die Bünde im Dritten Reich verboten, später galten auch entsprechende Kleidung und Ausrüstung unter der Bezeichnung bündische Umtriebe als strafbar. Nach anfänglichen Versuchen, die Hitler-Jugend und insbesondere das Jungvolk zu unterwandern oder zu „infiltrieren“, wurden die meisten bündischen Führer aus der Hitler-Jugend ausgeschlossen. Im Geheimen operierten verschieden bündische Gruppierungen aber weiter. Sie gingen weiter auf Fahrten und machten Lager. Sie bildeten stellenweise Widerstandsgruppen gegen das Dritte Reich und führten teilweise offene Straßenschlachten gegen die HJ. Dieser Widerstand war besonders im Rheinland zu spüren. Viele dieser wilden bündischen Jugendgruppen wurden Edelweißpiraten genannt oder benannten sich selbst nach diesem Begriff, unter dem sie verfolgt wurden. Am bekanntesten sind die Aktionen von Hans und Sophie Scholl aus der Gruppe „weiße Rose“. Die beiden Geschwister sind in ihrer Jugendzeit durch die d.j.1.11 geprägt worden. Stauffenberg, der das Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 ausführte, kam von den Neupfadfindern. Sein Adjutant war CP-ler. Katholische Pfadfinder breiteten sich erst 1929 in Deutschland aus und erreichten ihre höchste Mitgliedsstärke als die anderen Bünde in der Nazizeit verboten wurden. Aufgrund eines Abkommens zwischen dem Papst und der faschistischen deutschen Regierung, blieb die katholische Arbeit lange Zeit unberührt bestehen. Erst

1938 brach Hitler das Abkommen und Verbot die DPSG. Die DPSG hatte in der Zeit des Verbots wachsende Mitgliederzahlen. Bewertung durch Historiker zu der Zeit von 1933-1945. Nach dem Ende des Dritten Reich warfen Kritiker der Bündischen Jugend vor, Steigbügelhalter des Nationalsozialismus gewesen zu sein, indem sie ähnliches Gedankengut wie „Führen und Folgen“, „soldatische Tugenden“ oder Patriotismus transportierte. Andere wiesen darauf hin, daß die Bünde großen Wert auf Selbstbestimmung und Autonomie legten, die persönliche Beziehung zwischen Führern und Geführten betonten, in ihrem elitären Anspruch nicht zur der Massenbewegung des Nationalsozialismus passten und erklärt unpolitisch waren.

Der Soziologe Arno Klönne schreibt in seinem Buch „Jugend im Dritten Reich“ zu dieser Frage (Lit.: Klönne 2003, S. 125):

Zusammenfassend: Die bürgerliche deutsche Jugendbewegung bis 1933 war in ihrem politischen Denkweisen oder Gefühlswelten überwiegend so weit in der Nähe des Nationalsozialismus, daß sie sich 1933 als Teil der „nationalen Erhebung“ verstehen konnte. Diese Politikvorstellung der Jugendbewegung beziehungsweise

ihrer Mehrheit waren Zeichen einer allgemeinen politischen Fehlentwicklung des deutschen Bürgertums – aber eben nur ein Symptom neben vielen gleichgerichteten, und gewiß nicht Ursache der Bewegung hin zum Faschismus. Als aber der Faschismus in Deutschland staatlich etabliert war, zeigte sich, daß in der Tradition

der Jugendbewegung zugleich eine Chance systemoppositionellen Verhaltens lag. Das „autonome“ Milieu jugendlichen Gruppenlebens blieb zumindest zum Teil widerstandsfähig auch gegenüber dem totalitären Zugriff der staatlichen Jugenderziehung im Faschismus.

 

Die Zeit nach dem 2. Weltkrieg

Der kurzen Übergangszeit unter der Obhut der Besatzungsmächte folgten relativ geschlossene, einheitlich und in ruhiger Anpassung verlaufende Jahre, bis es unter dem Druck eigenwilliger Strömungen zu Abspaltungen und damit zur Entstehung eigenständiger, meist kleinerer Gruppierungen kam. Weiträumige, großbündische

Gebilde, wie sie die Zeit vor 1933 so eindrucksvoll charakterisiert hatten, entstanden nicht. Gleichwohl erreichte die Gesamtzahl der Pfadfinder eine ansehnliche Größe. Erinnerungsimpulse und führende Aktivitäten aus den Kreisen überlebender Älterer kamen den Gruppenmotivationen der Jüngeren und ihrer Neugier auf ein freies Pfadfinderleben nach ausländischen Vorbildern zu Hilfe. Es wurde somit

eine gewisse Kontinuität wieder gefunden, die anderen Bünden der 20er Jahre versagt bleiben musste. Den Pfadfindern, besonders den konfessionellen Verbänden, schien die Gunst der Stunde zu gehören. Trotz der hohen Mitgliedszahlen kann man kaum davon sprechen, dass die aktiven Schichten der jungen Generation repräsentativ in den Bünden vertreten waren. Diese bevorzugten jetzt kleingruppliche Gesellungsformen und verzichteten damit mehr oder minder auf größere gesellschaftliche Repräsentanz. In dieser Zeit traten die deutschen Pfadfinder zum ersten Mal richtig auf die internationale Ebene. 1950

wurde der Ring deutscher Pfadfinder Mitglied bei WOSM und 1954 der Ring Deutscher Pfadfinderinnen Mitglied bei WAGGGS. Vor dem 2. Weltkrieg waren die Pfadfinder zu zersplittert und zu nationalistisch eingestellt, um eine Mitgliedschaft zu erlangen.

 

Die große Krise: 1968

Das Bild änderte sich ab Mitte der 60er Jahre völlig. Ein tiefer Generationskonflikt entlud sich in außerparlamentarischer Opposition, studentischen Unruhen und der Verwerfung von bisherigen Erziehungsmethoden.

Die Pfadfinderei blieb davon nicht verschont: Sie reagierte mit heftigen Auseinandersetzungen, Spaltungen und vor allem mit Mitgliederschwund. In den meisten Jugendverbänden wurde mit antiautoritärer Pädagogik und mit politischer Bildung experimentiert, da z. B. politische Neutralität als Anpassung an die bestehenden Machtverhältnisse und damit als Verhinderung von Widerstandspotential verworfen wurde. Der BDP wurde sogar von Linksradikalen und Kommunisten unterwandert, die die schon bestehenden Verbandsstrukturen nutzen wollten und über den Bund Zugang z.B. zum Bundesjugendring und der Internationalen Ebene erlangen wollten.

Man kann gewisse Ähnlichkeiten mit dieser Phase und dem Sturm und Drang der frühen 20er Jahre erkennen. Beide Male brachten tiefe gesellschaftliche Veränderungen die deutsche Jugend in schwere Erschütterungen, die Formenwelt der Pfadfinderei in tiefe Existenzkrisen. In beiden Fällen stellte der Zusammenprall des traditionellen Systems mit den sich als frei, autonom und emanzipatorisch verstehenden Teilen der jungen Generation, vor die Frage, ob sich ihre überkommenen Normen und Gesellungsprinzipien überhaupt in eine

Umwelt einverwandeln ließen, die sich so von Grund auf zu verändern begann. Die radikale Auseinandersetzung hat für das immer älter werdende Traditionssystem der Pfadfinder auch durchaus eine positive Seite: Durch Bewegung und Veränderung wird Erstarrungs- und Erschöpfungstendenzen vorgebeugt. In dieser Zeit wurde die Grundlage für die heute selbstverständliche Koedukation gelegt.

 

Die Zeit nach „1968“

Aus den gesellschaftlichen Umwälzungen der späten 60er Jahre resultierten in Deutschland einige Veränderungen im Bereich der Ringverbände. 1972 beschloss die erste gemeinsame Bundesversammlung von CP, EMP und BCP den Zusammenschluss zum VCP. In Bayern schlossen sich die CP und der, nur in Bayern existierende, BCP bereits 1972 zum VCP zusammen. Der offizielle Gründungstag des VCP Deutschland ist der 1.1.1973. Der Bund Deutscher Pfadfinder (BDP) erlitt zahlreichen Abspaltungen, weil sich die pfadfinderischen Kräfte nicht mehr von der Unterwanderung durch linksradikale Kräfte stören lassen wollten. Anfang der 70er Jahre kam es dann zum „show-down“. Inzwischen hatte WOSM beim Ring deutscher Pfadfinder eine Anfrage über die pfadfinderische Ausrichtung des BDP gestellt und es entstand Handlungsbedarf. Da die Linksradikalen nicht aus dem BDP austreten wollten wurde kurzerhand von den Pfadfindern im BDP der „Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder“ (BdP) gegründet und von der CP und der DPSG der Ring deutscher Pfadfinderverbände aufgelöst. Sofort wurde der Ring neu gegründet, aber diesmal mit dem BdP als Mitglied. Der BDP („mitgroßem D“) existiert heute noch und betont immer wieder in Veröffentlichungen und Publikationen, nichts mehr mit der eigentlichen Pfadfinderarbeit zu tun zu haben. In den 70er und in den frühen 80er Jahren gab es im VCP eine Menge Diskussionen darüber, wie zeitgemäße Pfadfinderarbeit aussehen muss. Der Verband leidet bis heute unter diesen ideologisch geführten Diskussionen. Im Laufe der Zeit haben sich immer wieder Gruppen abgespalten, weil ihnen der VCP nicht pfadfinderisch genug war. Zum Teil haben sich diese Gruppen zu neuen Bünden zusammengeschlossen und sich in der Tradition der CP gesehen. In dieser Zeit beenden viele EMP-lerinnen ihre aktive Zeit. Der VCP übernahm nur ganz wenige EMP-Traditionen und im Nachhinein sieht es doch so aus, als hätte die große CP die kleinen Mädchenbünde geschluckt. Der VCP hat seid seiner Gründung viele gute Aktionen und Schwerpunkte gehabt. Es gab u. a. die Bundeslager, regelmäßige, gute Teilnahme an den Jamborees, 1989 wurde die Burg Rieneck renoviert und 1997 ein Bundeszeltplatz in Großzerlang erworben.

Die Wiedervereinigung 1990 hat der VCP zuerst verschlafen, inzwischen gibt es aber Gruppen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. 1998 wurde das Bundeslager „…und sie dreht sich doch!“ bewusst in Brandenburg veranstaltet, um die Aufbauarbeit in den neuen Ländern zu stützen und Ost und West zusammenzubringen. An diesem Bundeslager nahmen 3700 Pfadfinderinnen und Pfadfinder teil.

Der VCP hat die ersten 40 Jahre trotz aller Unkenrufe überlebt, wir werden sehen, was die nächsten Jahre bringen.

 

“Das Woher und Wohin”

Der Versuch einer Erklärung warum wir so sind wie wir sind [Zusammenfassung]

Bündisch sein, ist untrennbar mit dem Begriff der deutschen Jugendbewegung verbunden. Nachdem sich Wandervogel und Pfadfinderbewegung vom – erst durch Kriegsfreiwillige entusiastisch unterstützten – 1. Weltkrieg erholten (sehr viele Führungspersönlichkeiten waren gefallen), begann die so genannte „Bündische Phase“ der Jugendbewegung von 1918-1933:

Die bündische Phase (1918-1933)

Den Mitgliedern der Jugendbewegung reichte es nach 1918 nicht mehr, nur ihre Jugend gemeinsam zu verleben. Es bildete sich der Willen, die gesamte Gesellschaft zu verändern: Man strebte nun ritterliche Ideale an, denen jeder Einzelne auch im Erwachsenenalter anhängen sollte. So entstand die Begrifflichkeit eines „Lebensbundes“, der nicht mit dem Erwachsenwerden endet, sondern das ganze Leben einbezieht. Viele Bünde sahen das Bestehen eines Lebensbundes als in koedukativen Bünden schwer verwirklichbar und die Orientierung richtete sich mehr auf eine geschlechtsgetrennte Arbeit (die z.B. der Wandervogel vorher nicht kannte). Gegen 1930 kamen Jungenschaften auf, die wiederum das Verständnis des Lebensbundes ablehnten und eher einem sogenannten „Jugendreich“ (einer eher geschlossenen Gegenwelt im Jugendalter) anhingen. Die Jungenschaftsbewegung brachte Elemente wie die Kohte, Jurte und Jungenschaftsjacke in die deutsche Jugendbewegung ein. Die bündische Bewegung erstarb mit den Verbot durch das nationalsozialistische Regime die ab 1933 ausgesprochen wurden. Die Einzelnen blieben aber oft ihren Idealen im Verborgenen treu.

1945 bis heute:

Nach dem 2. Weltkrieg wurden bündisch geprägte Wandervogel und Pfadfinderbünde wieder- oder neugegründet (Beispielsweise die CPD). Das Bündische erreichte aber nicht mehr die in der Zeit von 1918-1933 bestehende prägende Ausstrahlung auf die Gesamtheit der deutschsprachige Jugend.Die viele bündische Gruppen sehen – früher wie heute – eine untereinander verbindende Gemeinsamkeit in der Meißnerformel.

 

Bündisch oder Scoutistisch?

Im deutschsprachigen Raum kann man nicht mehr zwischen Verbänden trennen, die eine pure Herkunft aus der deutschen Jugendbewegung haben, und Verbänden, die den Ideen Baden-Powells in „reiner“ Form (sogenannter Scoutismus) anhängen. Beide Richtungen und Ideenwelten haben sich gegenseitig befruchtet und durchdrungen. Sieht man „bündisch“ und „scoutitisch“ als gegenüberliegende Endpunkte einer Skala, so kann man bei vielen Verbänden eine gewisse Tendenz benennen. Sie lassen sich als „bündisch“, „eher bündisch“, „eher scoutistisch“ oder „scoutistisch“ einordnen. Um die Unterschiede beider Ausrichtungen zu verdeutlichen, sind hier den „bündischen“ Elementen „scoutistische“ Elemente gegenübergestellt zu beachten gilt hierbei das sich jeder mal überlegen sollte welche Elemente aus welcher der beiden „Seiten“ in seinem Stamm zutreffen. So wird deutlich, das es eine reine Ausrichtung kaum mehr gibt, sondern man sich das beste aus beiden herausgezogen hat.

 

Bündische Elemente:

Die nachfolgenden Elemente charakterisieren bündische Gruppen. Natürlich kommt es zu unterschiedlichen Gewichtungen einzelner Elemente

  • Bündisch-Sein als persönlicher Selbstzweck
  • Lebensbund: Ausrichtung auf eine Gemeinschaft/Verbundenheit für das ganze Lebensalter
  • Beginnt erst im Jugendalter (ca. ab 12 Jahren)
  • kleine geschlechtshomogene Sippen die gemeinsam „alt“ werden
  • Prinzip „Jugend führt Jugend“: der Gruppenführer ist oft nur 1-3 Jahre älter als die Gruppenmitglieder
  • Romantischer, musischer Schwerpunkt (bündische Liedermacher)
  • Der Affe als Rucksack, oft mit einem Fell als Schlafunterlage, Schwarzzelte (Kohten und Jurten)
  • Ausrichtung an der Meißner formel
  • Gruppen bleiben von Anfang bis Ende zusammen (Sippenbund)

 

Scoutistische Elemente:

Die nachfolgenden Elemente charakterisieren scoutistische Gruppen. Natürlich kommt es zu unterschiedlichen Gewichtungen einzelner Elemente.

  • Pfadfindermethode wird zur Verfolgung eines bestimmten Zieles genutzt
  • Pfadfinderisches wird als Erziehungsmethode für Kinder (ca. ab 7 Jahren) und Jugendliche eingesetzt.
  • Wechsel zwischen Klein- und Großgruppe. Gruppen sind oft koedukativ. Stufenwechsel älter werdender Mitglieder in eine neue, ältere Gruppe
  • Erwachsene erziehen Kinder und Jugendliche zur Selbstständigkeit
  • Modernen Medieneinsatz
  • Modernes Ausrüstungsmaterial (Iglu- und Weißzelte, Wanderrucksäcke,…).
  • Ausrichtung am Pfadfindergesetz